Superposition

Januar 10, 2010

Was durfte man von einem Tag wie diesem erwarten? Sie war nach 12 mit steifem Hals erwacht, das letzte Rotweinglas halb ausgetrunken neben dem Bett, die Luft stickig und angefüllt mit arhythmischen, dumpfen TV Klängen aus der Nachbarwohnung. Home-Office-Tag, auf dem Tisch warteten Akten und im Kühlschrank nur trockener Parmesan und eine mit Alufolie abgedeckte Schüssel, an deren Inhalt sie sich nicht erinnern konnte. „Einkaufen gehn“ dachte sie laut in heiserem Befehlston, der nie half, und schaltete den Rechner ein. Schon wieder Mails von Sami, immer gleich: „Shanghai flasht total. So geil (…) PS: Hast Du Lionel gefüttert? Mittwochs kriegt er Truthahn…“

Der Kopf pulsiert als sie überlegt, kaut, Aspirin ohne Wasser schluckt. Sie fühlte sich schwindelig und schwach. Wann war sie zuletzt bei dem Tier zur Visite gewesen? Vor zwei Tagen? Oder waren es schon drei…? Warum konnte Sami nicht Topfblumen haben – gern auch anspruchsvolle Bonsais, ein Orchideengewächshaus – whatever. Aber die Katze…“Your cattish housemate sucks“, sagte sie probeweise „sucks big, big time“. Neben Sami machte er immer einen auf anschmiegsam. Ein lebendes Designobjekt zwischen italienischen Sesseln und antiken Nussbaumschränken, glänzend, geschmeidig und geräuschlos wie die bewegliche Sichtbetonwand, die den Schlafbereich abtrennte. „Die Katze spannt“, hatte sie beim ersten Mal gesagt und sich plötzlich nackt gefühlt unter gelben Augen, die ihren Körper fixierten. Sami hatte nur gelacht und sich ins Kissen zurückgeworfen. Von da an zupfte sie immer heimlich die schwarzen Tierhaare vom Bett. Und jedes Mal waren da neue auf ihrer Seite.

Letzten Dienstag hatte er schon hinter der Tür gelauert als sie aufschloss, sie angebrüllt mit diesem vorwurfsvollen Ton in der Stimme. Vernachlässigt, anklagend. Hatte berechnend ihre Beine umwunden, während sie versuchte, in die Küche vorzudringen. War auf den Tisch gesprungen, verfolgte sie mit scharfem Blick, als sie im Schrank nach dem „Kaninchenragout in saftiger Sauce“ suchte (es war Kaninchentag). „Schon mies, ganzen Tag alleine in der Bude, hm?“ hatte sie Konversation versucht und schnell den weichen Beutel aufgeschnitten. Nur Fauchen, gesträubtes Fell, wie elektrisiert. „Könntest mir dankbar sein, du gelackter Kastrat. Ich bin extra früh raus wegen dir.“ Die braunen Brocken in eine Schüssel (es gab sieben davon, mit verschiedenfarbigen Rändern und aufgedruckten Wochentagen). Fast hätte sie sich ja die Finger abgeleckt, das Zeug roch eigentlich wie eine Fleischportion in der Betriebskantine. Es soll ja Leute geben, die Tierfutter essen. Und in dem einen Film serviert doch die Frau am Ende dem prügelnden Ehemann Hundefutter als Bolognese…

Dann war er gesprungen, aus dem Stand quasi, vom Tisch auf die Anrichte, wo sie tatsächlich ein Petersilienblatt von Samis Kräuterfenster auf den Katzenteller drapierte. Scharfe Krallen auf ihrem Arm, Katzenschreien, Menschenkreischen. Die Schüssel zerbarst auf originalgetreu restaurierten Gründerzeitfliesen, ein schwarzer Schatten warf sich hinterher, jagte Beute zwischen den Scherben. Sie hatte die Tür hinter sich zugeknallt und die Schrammen mit Spucke verrieben. Im Internet gab es Katzenpsychologen. Vielleicht eine Familienaufstellung – hier Sami, da drüben sie selbst, in der Mitte: Das Tier. Vielleicht verschluckte es ja eine Scherbe und krepierte. Sie würde betroffen gucken, wenn Sami ihr tränenschwer von dem schrecklichen Anblick erzählte, würde des Katers letzte, glückliche Tage heraufbeschwören, seine erlesenen karnivorischen Mahlzeiten in ihrer Gesellschaft, sagen wie Leid es ihr täte…

Sie lächelt. Sie würde heute einkaufen, kein Katzenfutter, sie würde ein paar Tage an die See fahren und das Gedankenexperiment von diesem Quantenphysiker endlich einmal in die Tat umsetzen. Ein Raum. Eine Katze. Kein Beobachter. Chance fifty-fifty. In Shanghai wunderte sich Sami Tags darauf über eine Mail:

affenloch

Oktober 22, 2009

Das erste Wort, das Gordon in dieser Situation in den Kopf schoss: „Vermaledeit!“ Eigentlich gehörte es nicht zu dem Wortschatz, den er normalerweise gebrauchte, aber die Lage, in der er sich befand war alles andere als normal. Er steckte fest – mitten in der Wildnis – und es dämmerte bereits. Er hatte Durst, musste urinieren und verspürte einen unangenehmen Juckreiz in der Leistengegend. Die Tour war zu allem Überfluss auch noch seine (vermaledeite) Idee gewesen, es war so üblich, dass die Senior Berater mit den frischen Junioren einen Wochenendtrip machten. Zur Teambildung und auch zum Spaß. Die Agentur fuhr gut in diesem Modus, die Nachwuchskräfte waren motiviert und die Projekte liefen danach meist viel besser. Wenn man nicht gerade mit dem Bein vom Knie abwärts durch eine modrige Holzstiege gerutscht war, auf einem düsteren, schluchtartigen Gebirgsweg, ganz allein.

Sie hatten den Spechtengrat im Laufschritt genommen, waren schwer atmend und immer wortkarger hintereinander den steinigen Pfad aufgestiegen. Oben hatte Ferry dann unbedingt noch den Umweg über die Höllensteine machen wollen, die neue Eos im Anschlag, während Gordon den direkten Abstieg durch die Affenklamm bevorzugte. Er wollte nicht diskutieren, warum dem Junior nicht mal einen Sonderwunsch zugestehen…? Das unschöne Resultat betraf jetzt nur einen aus dem Team: Gordon. Er seufzte und versuchte erneut, das Bein freizubekommen. Es war unmöglich, sich unverletzt durch das gesplitterte Holz zu winden. Erste blutige Kratzer verunstalteten bereits seine Wade. Die Rucksackriemen schnitten immer schmerzhafter in seine Schultern, aber er schaffte es nicht, das Ding abzusetzen. Die Schlucht war so eng, und irgendwo schien eine der praktischen Außentaschen des stylishen TUMI-Daypacks an einem der Stahlhaken in der Felswand festzuhängen. In seiner Hosentasche fand Gordon den Powerriegel, den Ferry ihm morgens zugesteckt hatte. Er hatte da so frisch ausgesehen, zerzauste Haare, einen Anflug von Sommersprossen, die furchenfreie Stirn eines hoffnungsvollen Aufstrebers. Statt durch die Stufen zu brechen wäre der feingliedrige Ferry wahrscheinlich leichtfüßig weiter abwärts getanzt und hätte sich nur spöttisch nach dem plumpen, älteren Vorgesetzten umgesehen.

Gordon seufzte und kaute den zähen, süßen Riegel. Er schluckte hart, als ihm die Dunkelheit um sich herum bewusst wurde. Durst hatte er jetzt, immer größeren Durst. In solchen Fällen sollte man pfeifen, memorierte er, oder rufen. Er versuchte ein zaghaftes „Hallo“, erschrak aber sofort über den unheimlichen Hall der eigenen Stimme in den roh behauenen Steinkaminen. Wäre Ferry vor ihm gegangen, vielleicht wären sie gemeinsam eingebrochen? Dann könnte Gordon jetzt die Trinkflasche aus dem Rucksack des Partners angeln und beiden die Lippen benetzen. Aus der hinteren Tasche der Jack Wolfskin Funktionshose würde er Ferrys Kippen ziehen und ihnen beiden eine anstecken. Sie würden rauchen, quatschen und auf Hilfe warten, gemeinsam wäre es nicht so bedrückend hier im engen Schacht. Der Gedanke an Ferry da vor ihm, die Konturen seines trainierten kleinen Arschs in der grauen Hose, ließ Gordon plötzlich erzittern. Beim Versuch, den namenlosen Schrecken in Worte zu fassen, erschien ein Satz vor seinem inneren Auge, klar und deutlich in serifenloser Schrift: Das-Bild-eines- Mittzwanzigers-mit-rotbraunem-Hinterkopf-und-schmalen-Schultern-wirkte-auf-Gordon P. -als- erotisches-Stimulans! Mehr als die Männervitamine, die Homöopathika und die beschämt geschluckten PDE-5-Hemmer, die Susanne ihm quartalsweise aufnötigte, wenn ein romantisches Revival ihrer nunmehr 17-jährigen Zweisamkeit ins Haus stand. Gordon schoss das Blut in die Wangen, dann in den Unterleib, da drückte und tanzte es nun mit ungekannter Vehemenz, das Bild des Kollegen, ganz eng vor ihm eingezwängt zwischen den Felsen, ohne Hose jetzt, sich ihm entgegenstemmend, fest, stramm, so neuartig gut… Seufzend gab Gordon sich der Situation hin. Mehr war jetzt nicht zu tun. Bis zum Eintreffen einer Suchmannschaft würden alle Spuren getrocknet sein.

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