Byebye, Tempomat

Juni 26, 2007

Wir haben sehr gelacht, weil das T-Shirt beim Kissenschütteln aus dem Fenster gefallen ist. Da lag es als hellblauer Fleck, 3 Meter tiefer, unerreichbar auf dem Teerpappe-Dach. Die unter mir, osteuropäische Escort-Boys, die ständig auf dem Dach halbnackte Digi-Fotos geschossen hatten, waren gerade ausgezogen – das Shirt war also verloren.
Das war im Mai, und seitdem ist fast ein Jahr vergangen. Der Stofffetzen da unten ist mittlerweile weiß gebleicht von der Sommersonne, vollgesogen mit Herbstregen und Schnee. Vielleicht ist auch mal eine Träne draufgetropft, ich weiß nicht mehr. Es ist gefroren und wieder aufgetaut, von Tauben bekotet und von moosigen Schlieren überzogen.

Jedes Mal, wenn Holger bei mir gewesen ist, haben wir uns aus dem Fenster gebeugt und wieder nach dem T-Shirt geguckt. Eine Art Ritual – genauso wie ich ihn immer unten an der Haustür abgeholt habe, obwohl der Türöffner funktionierte. Er mochte es auch, dass ich ihm zum Abschied aus dem Fenster nachwinkte, wenn er in seiner Familienkutsche wieder zu seinem Einfamilienhaus fahren musste. Er fuhr immer 120, weil das effizient war. Ich wollte nie, dass er mich verlässt – aber er ist immer wieder und immer viel zu früh gefahren. Manchmal auch zu früh gekommen, aber das tut jetzt nichts mehr zur Sache.

Als wir uns das erste Mal getroffen haben, war ich noch mit F. zusammen und sogar fast verlobt. Zu Weihnachten hatte es einen Ring gegeben und tiefe Blicke. Und dann kam diese Faschingsnacht, ich saß eingezwängt als Pfadfinderin kostümiert auf einer Bierbank. Hatte viel Sekt getrunken, und ein Kumpel von Holger hatte es auf mich abgesehen. Kein Wunder, denn ich hatte damals einen wunderbaren Teint; und wenn ich trinke werde ich niedlich. So was mögen die Männer. Der Kumpel saß mir gegenüber und überlegte, an welche Schauspielerin ich ihn erinnerte. Holger bewunderte derweil meine Beine. Ich fühlte mich sehr begehrenswert und tat sehr verlegen. Das bringt sie alle zur Raserei.

Wahrscheinlich hat Holgers Kombi die letzte Rückfahrt deswegen nicht überlebt. „Hättest ja nicht fahren müssen“, denke ich, und lasse die Rose auf sein Shirt fallen.

Eine Antwort schreiben