Ringkampf
Juli 3, 2007
Der Ring funkelte sie an wie ein kaltes, böses Auge. Sie hatte ihn in all den Jahren nie abgesetzt, auch beim Händewaschen nicht. Er war Pauls Geschenk gewesen; zum ersten Hochzeitstag hatte er ihn beim Kochen in ein Paket Tagliatelle geschmuggelt, sie hatte ihn schon mit der Pasta ins Wasser geworfen – und dann ehrfürchtig mit der Schöpfkelle herausgefischt. Unvergänglich war er, akkurat zurecht geschliffen und fast zu groß für ihre schmale Hand. Paul hatte diese Hand gehalten, hinter sich her gezogen durch festliche Hallen, stilvolle Lobbys, schwere Konversationen. Damals. Sie nahm einen Schluck aus dem eisfeuchten Glas und ließ die Kohlensäure auf der Zunge kribbeln. Von der Dachterrasse konnte sie sogar den Fernsehturm sehen, seine frisch geputzte Kugel sonnte sich im Morgenlicht.
Es war nicht verwerflich, um diese Zeit Gin Tonic zu trinken. Nicht, wenn man damit rechnen musste, am Abend von seinem Mann verlassen zu werden. Sie wartete nicht, bis das Glas leer war, sondern goss großzügig nach. Gewartet hatte sie in den letzten Monaten wahrlich genug! Dachte er, sie würde nicht merken, wie fahrig er war? Wie er Abend für Abend schweigend Worte formierte, die den Abschied angemessen ausdrücken sollten? Dass er die Hand mit dem Ring schon seit Ewigkeiten nicht mehr berührte? Die Eiswürfel schmolzen schnell, sie musste trinken, bevor der Drink seine Frische verlor.
Sie stellte sich vor wie Paul mit der brünetten Assistentin aus einem Meeting kam. Die Brünette trug ein Flipchart, warf die Haare in den Nacken und lachte ihn an. Er hätte für sie ein Zimmer im gleichen Hotel gebucht, würde dezent über den Teppichflur zu ihrer Tür gleiten, ein erkennendes Wort hauchen und dann schnell bei ihr – eindringen. Er mochte solche Spielchen, spannend, verboten und ein bisschen schmutzig. Dann fühlte er sich als Held, als echter Kerl. Und die kleine Schlange würde mitspielen, sich unterordnen, klein machen unter ihm. Widerlich. Sie schüttelte sich, während sie die Zitrone auslutschte, stand kurz auf, um weitere Schnitze mit dem großen Barkeeper-Messer abzuschneiden. Einer ging noch, dachte sie, und entschied sich zu lachen. Eis klimperte ins Glas, Tonic zischte. Sollte Paul doch gehen, er würde zahlen müssen. Sie würde die Wohnung vermieten, dieser Pseudo-minimalistische Loft-Style war ja noch nie ihr Ding gewesen. Vielleicht würde sie in einen anderen Stadtteil ziehen, in eine Altbauwohnung. Bilder malen, Kurse besuchen. Wie eine alte, vertrocknete Lehrerin mit Doppelnamen, dachte sie böse.
Natürlich würde sie ihren alten Namen wieder annehmen. Vielleicht auch einen jüngeren Liebhaber finden, der eine betuchte Scheidungswitwe in den Vierzigern mit einem Saab Cabrio spannend fand. Sie war noch ganz knackig, das bestätigte die spiegelnde Schiebetür. Nur dieser Ring passte irgendwie nicht ins Bild. Altlasten sollte man nach Trennungen schnell loswerden, das vereinfachte den Abschied und unnötig würdelose, sentimentale Ausbrüche. Sie würde also auch keine Fotos mitnehmen. Keinen Paul in Shibuya, kein Paul auf dem Gletscher, kein Paul im Abendlicht vor Magnetic Island. Es würde neue Aufnahmen geben, die sie in ihre gebürsteten Stahlrahmen stecken konnte. Das war der Lauf der Dinge.
Der Gin war alle, der Ring noch am Finger. Er ließ sich nicht abdrehen, auch nicht mit Sonnencreme als Gleitmittel. Waren ihre Finger so dick geworden, knotig wie ein alter Ginseng? Sie steckte die Hand in den Eiswürfelbehälter und zählte bis 60. Immer noch nichts. Doch der Ring musste weg! Würde der Juwelier Verständnis haben, wenn sie ihn bat, den Weißgoldreif an ihrem Finger zu zersägen? Oder war das eher ein Fall für einen Chirurgen?
Als Paul am frühen Nachmittag mit einem Strauß weißer Lilien und einer Flasche Hochzeitstags-Champagner nach Hause kam, fand er seine Frau noch im Liegestuhl auf der Dachterrasse. In der rechten Hand hielt sie ein langes Messer; neben ihr lag, blutverschmiert und stumpf, ein Ring.