kaltschaum

Februar 22, 2008

Ich fühle eigentlich nur die Matte im Rücken. Sie ist klamm und riecht nach dem Schweiß fremder Kursteilnehmer. Alle anderen fühlen Enstpannung und „die Schwere“. Zumindest atmen sie so. Unsere Krankenkassen bezahlen die Stunden, weil sie der Prävention und Gesundheit dienen. Seit nunmehr 5 Wochen spanne und entspanne ich artig Körperteile vom Ohrläppchen bis zum großen Zeh, habe Kaffee durch Yogi-Tee ersetzt und „losgelassen“, so wie Dana es immer und immer wieder verlangt. Jetzt gerade fordert sie „Zurückkommen“ und ich blinzle schon, weil ich gar nicht fort war: Dana, die mal PR-Frau war, dann Vertreterin und jetzt Homöopathin und Entspannungstrainerin. Sie ist drahtig getrimmt und hat sich diesen durchdringenden Blick angeeignet, den geistige Führer sich gerne stehen lassen. Ich frage mich jetzt, ob sie sich Chemikalien in die Haut spritzen lässt und den Arzt mit den Einkünften aus ihrer selbst komponierten No-Age-Vitalstoffmischung bezahlt.

Aber die anderen stehen schon auf und plaudern sich aus dem kleinen Souterrain-Raum. Ich habe Aufräumdienst und versuche, die sich windenden, ausdünstenden Matten im Geräteraum zu verstauen, ohne mich von ihnen berühren zu lassen. Noch immer habe ich Danas monotone Stimme im Ohr, ihr Zählen, das uns den Beginn der „Großen Gedankenreise“ anzeigt – oder ein Versteckspiel? Hinter den Gymnastikbällen bleibe ich flach liegen, ganz entspannt, und lasse Dana die Leute verabschieden, ihr „alle raus?“ durch Umkleide und Kursraum tönen, höre den Schlüssel im Schloss und die surrenden Fahrräder draußen. Ich konzentriere mich auf meinen Atem, stelle mir vor, dass er „wie ein goldener Strom die Dunkelheit erhellt“. Jaja, es funktioniert – es ist hell! Warmes Laternenlicht fällt durch die schmalen Fenster, beleuchtet Damenstiefel und einen Hund, die vorbeigehen.

Die Bälle liegen derweil stumm wie überzüchtete Kürbisse in ihrer Ecke und ich muss an Gentechnik denken, an mutiertes Maisöl in Autotanks, an dünne Kinder ohne Mittagessen einen Stadtteil weiter und sonstwo, an ertrinkende Eisbären, angereichertes Uran,  blutige Macheten und steuerfreie Millionäre, an Plastikmüll in Fischmägen, Journalisten ohne Fingernägel.

Nein, ich will mich nicht entspannen. Und mein linker Zeh erwacht plötzlich aus seiner Trance, steuert den Fuß in Richtung Fenster, gibt dem ganzen Bein Schwung. Raus! Aber echt gut, dass wir mal gemeinsam über alles nachgedacht haben, Du! Ja, klar darfst Du durchs Fenster klettern, hab ich auch oft gemacht in meiner rebellischen Phase, damals.

Wenn morgen Danas Kurs beginnt, wird sie das Fenster schließen, kopfschüttelnd, und dann mit dem schläfernden Gong die Stunde einwiegen. „Schließt die Augen und fühlt die Schweeere. Die Außenwelt ist weeeiiit weg, wir blicken nach Innen“. Vielleicht blinzelt mal jemand heimlich und liest meine Worte auf den Yogamatten aus politisch korrektem PVC-Schaum.

affenloch

Oktober 22, 2007

Das erste Wort, das Gordon in dieser Situation in den Kopf schoss: „Vermaledeit!“ Eigentlich gehörte es nicht zu dem Wortschatz, den er normalerweise gebrauchte, aber die Lage, in der er sich befand war alles andere als normal. Er steckte fest – mitten in der Wildnis – und es dämmerte bereits. Er hatte Durst, musste urinieren und verspürte einen unangenehmen Juckreiz in der Leistengegend. Die Tour war zu allem Überfluss auch noch seine (vermaledeite) Idee gewesen, es war so üblich, dass die Senior Berater mit den frischen Junioren einen Wochenendtrip machten. Zur Teambildung und auch zum Spaß. Die Agentur fuhr gut in diesem Modus, die Nachwuchskräfte waren motiviert und die Projekte liefen danach meist viel besser. Wenn man nicht gerade mit dem Bein vom Knie abwärts durch eine modrige Holzstiege gerutscht war, auf einem düsteren, schluchtartigen Gebirgsweg, ganz allein.

Sie hatten den Spechtengrat im Laufschritt genommen, waren schwer atmend und immer wortkarger hintereinander den steinigen Pfad aufgestiegen. Oben hatte Ferry dann unbedingt noch den Umweg über die Höllensteine machen wollen, die neue Eos im Anschlag, während Gordon den direkten Abstieg durch die Affenklamm bevorzugte. Er wollte nicht diskutieren, warum dem Junior nicht mal einen Sonderwunsch zugestehen…? Das unschöne Resultat betraf jetzt nur einen aus dem Team: Gordon. Er seufzte und versuchte erneut, das Bein freizubekommen. Es war unmöglich, sich unverletzt durch das gesplitterte Holz zu winden. Erste blutige Kratzer verunstalteten bereits seine Wade. Die Rucksackriemen schnitten immer schmerzhafter in seine Schultern, aber er schaffte es nicht, das Ding abzusetzen. Die Schlucht war so eng, und irgendwo schien eine der praktischen Außentaschen des stylishen TUMI-Daypacks an einem der Stahlhaken in der Felswand festzuhängen. In seiner Hosentasche fand Gordon den Powerriegel, den Ferry ihm morgens zugesteckt hatte. Er hatte da so frisch ausgesehen, zerzauste Haare, einen Anflug von Sommersprossen, die furchenfreie Stirn eines hoffnungsvollen Aufstrebers. Statt durch die Stufen zu brechen wäre der feingliedrige Ferry wahrscheinlich leichtfüßig weiter abwärts getanzt und hätte sich nur spöttisch nach dem plumpen, älteren Vorgesetzten umgesehen.

Gordon seufzte und kaute den zähen, süßen Riegel. Er schluckte hart, als ihm die Dunkelheit um sich herum bewusst wurde. Durst hatte er jetzt, immer größeren Durst. In solchen Fällen sollte man pfeifen, memorierte er, oder rufen. Er versuchte ein zaghaftes „Hallo“, erschrak aber sofort über den unheimlichen Hall der eigenen Stimme in den roh behauenen Steinkaminen. Wäre Ferry vor ihm gegangen, vielleicht wären sie gemeinsam eingebrochen? Dann könnte Gordon jetzt die Trinkflasche aus dem Rucksack des Partners angeln und beiden die Lippen benetzen. Aus der hinteren Tasche der Jack Wolfskin Funktionshose würde er Ferrys Kippen ziehen und ihnen beiden eine anstecken. Sie würden rauchen, quatschen und auf Hilfe warten, gemeinsam wäre es nicht so bedrückend hier im engen Schacht. Der Gedanke an Ferry da vor ihm, die Konturen seines trainierten kleinen Arschs in der grauen Hose, ließ Gordon plötzlich erzittern. Beim Versuch, den namenlosen Schrecken in Worte zu fassen, erschien ein Satz vor seinem inneren Auge, klar und deutlich in serifenloser Schrift: Das-Bild-eines- Mittzwanzigers-mit-rotbraunem-Hinterkopf-und-schmalen-Schultern-wirkte-auf-Gordon P. -als- erotisches-Stimulans! Mehr als die Männervitamine, die Homöopathika und die beschämt geschluckten PDE-5-Hemmer, die Susanne ihm quartalsweise aufnötigte, wenn ein romantisches Revival ihrer nunmehr 17-jährigen Zweisamkeit ins Haus stand. Gordon schoss das Blut in die Wangen, dann in den Unterleib, da drückte und tanzte es nun mit ungekannter Vehemenz, das Bild des Kollegen, ganz eng vor ihm eingezwängt zwischen den Felsen, ohne Hose jetzt, sich ihm entgegenstemmend, fest, stramm, so neuartig gut… Seufzend gab Gordon sich der Situation hin. Mehr war jetzt nicht zu tun. Bis zum Eintreffen einer Suchmannschaft würden alle Spuren getrocknet sein.