Qual der Wahl
August 15, 2007
Die Monate mit Leo waren so gut gewesen. Zusammen hatten sie sich nicht beirren lassen, da waren sogar die Leute auf dem Gehweg von selbst ausgewichen. Im Kino hatte Leo zwischen ihr und den Dicken gesessen, hatte die Popcorn gehalten und die stickige Atemluft der Fremden für sie reingeatmet. Er hatte ihr immer die Oberseite des Brötchens gegeben, hatte ihr T-Shirts ausgesucht und Lieblingslieder ernannt. Im Bett hatte er am Fenster gelegen, und sie in seinem Schatten. Beim Frühstück saß er am Toaster, und sie in der Ecke neben dem Boiler. Ein guter Platz war das gewesen, man konnte den Kopf anlehnen und dabei nach draußen sehen. Die Sorgen waren dann weit weg, verschwommen wie alte Filmschnipsel, die keine Bedeutung mehr hatten. Milchig und mit einem Gelbstich sah sie dann das Klassenzimmer und den harten Holzstuhl neben sich. Er war immer leer geblieben, weil niemand dort sitzen wollte. Sie hatte rote, wunde Mundwinkel gehabt, vom Daumenlutschen. Manchmal machte sie auch in die Hose. Aber nie hatte sie geheult, auch nicht, wenn sie an der Tafel mit der Kreide zittrig abrutschte, oder wenn die Jungs ihr auf der engen Treppe in den Rücken boxten. Sie konnte sogar in die Dornenhecke greifen, wenn der Ball darunter gerollt war – ohne auch nur zu zucken. Die Eltern bemerkten ihre Kratzer nie, auch nicht, wenn sie sie mit der Nagelschere größer gemacht hatte. Nur die anderen in der Schule, die flüsterten. In den Pausen war es am schlimmsten. Sie ging so schnell sie konnte über den Hof, vorbei an den Grüppchen, die redeten und dabei enge Kreise bildeten. Versteckte sich im Toilettenhaus und wartete auf das Läuten.
Leo hatte immer zugehört, wenn sie von ihren alten Filmen erzählte. Er hatte sie lange gemustert, seine Locken gedreht und ihr noch mehr heißen, süßen Tee eingegossen. Immer wusste er, was gerade gut war, immer fand er die richtigen Worte, den besten Platz, die schönsten Dinge. Sie hatte natürlich versucht, auch ohne ihn in die Stadt, ins Café zu gehen. Hatte von der Nische neben den Müttern mit den sportlichen Kinderwagen zur Theke geblickt, wo die langhaarigen Typen mit engen Jeans und Laptops saßen. Wollte nicht zu den Rauchern, und auch nicht nach oben, wo die schwänzenden Teenys sehr laut waren. Sie konnte dann nur die Tasche festhalten und ganz langsam rückwärts zur Tür gehen. Auf der Straße wurde sie angerempelt, von Jungs in weißen Trainingsanzügen, die sich nie entschuldigten.
Zu der Verabredung gestern war sie langsam gegangen, nah an der Hauswand. Trotzdem trat jemand mit spitzen Stiefeln auf ihre Füße . Als sie dann endlich Leo unter einer rotweißgrünen Markise stehen sah, putzte sie sich schnell noch die Nase und lächelte. „Die Dame darf bestimmen!“ hatte Leo laut gesagt, nachdem der Ober auf zwei Tische gedeutet hatte. Sie sah hin und sah her, machte einen Schritt in die Ecke, drehte sich wieder, stieß mit der Tasche gegen eine Vase. „Den“ sagte sie, und zeigte auf den Fensterplatz. Warum war ihr so heiß? Der Ober holte Servietten. „Oder?“ fragte sie und schluckte schwer. „Leo?“. „Du hast die Wahl!“ sagte er freundlich, aber er blickte dabei aus Augenschlitzen, die sie nicht kannte, wartete kalt auf die Lösung der schwersten Aufgabe in einem Test. Sie konnte nicht bestehen. Zuhause wartete sie noch lange, aber er kam nicht. Sie fand die Nagelschere in ihrem Etui und seufzte.
Ringkampf
Juli 3, 2007
Der Ring funkelte sie an wie ein kaltes, böses Auge. Sie hatte ihn in all den Jahren nie abgesetzt, auch beim Händewaschen nicht. Er war Pauls Geschenk gewesen; zum ersten Hochzeitstag hatte er ihn beim Kochen in ein Paket Tagliatelle geschmuggelt, sie hatte ihn schon mit der Pasta ins Wasser geworfen – und dann ehrfürchtig mit der Schöpfkelle herausgefischt. Unvergänglich war er, akkurat zurecht geschliffen und fast zu groß für ihre schmale Hand. Paul hatte diese Hand gehalten, hinter sich her gezogen durch festliche Hallen, stilvolle Lobbys, schwere Konversationen. Damals. Sie nahm einen Schluck aus dem eisfeuchten Glas und ließ die Kohlensäure auf der Zunge kribbeln. Von der Dachterrasse konnte sie sogar den Fernsehturm sehen, seine frisch geputzte Kugel sonnte sich im Morgenlicht.
Es war nicht verwerflich, um diese Zeit Gin Tonic zu trinken. Nicht, wenn man damit rechnen musste, am Abend von seinem Mann verlassen zu werden. Sie wartete nicht, bis das Glas leer war, sondern goss großzügig nach. Gewartet hatte sie in den letzten Monaten wahrlich genug! Dachte er, sie würde nicht merken, wie fahrig er war? Wie er Abend für Abend schweigend Worte formierte, die den Abschied angemessen ausdrücken sollten? Dass er die Hand mit dem Ring schon seit Ewigkeiten nicht mehr berührte? Die Eiswürfel schmolzen schnell, sie musste trinken, bevor der Drink seine Frische verlor.
Sie stellte sich vor wie Paul mit der brünetten Assistentin aus einem Meeting kam. Die Brünette trug ein Flipchart, warf die Haare in den Nacken und lachte ihn an. Er hätte für sie ein Zimmer im gleichen Hotel gebucht, würde dezent über den Teppichflur zu ihrer Tür gleiten, ein erkennendes Wort hauchen und dann schnell bei ihr – eindringen. Er mochte solche Spielchen, spannend, verboten und ein bisschen schmutzig. Dann fühlte er sich als Held, als echter Kerl. Und die kleine Schlange würde mitspielen, sich unterordnen, klein machen unter ihm. Widerlich. Sie schüttelte sich, während sie die Zitrone auslutschte, stand kurz auf, um weitere Schnitze mit dem großen Barkeeper-Messer abzuschneiden. Einer ging noch, dachte sie, und entschied sich zu lachen. Eis klimperte ins Glas, Tonic zischte. Sollte Paul doch gehen, er würde zahlen müssen. Sie würde die Wohnung vermieten, dieser Pseudo-minimalistische Loft-Style war ja noch nie ihr Ding gewesen. Vielleicht würde sie in einen anderen Stadtteil ziehen, in eine Altbauwohnung. Bilder malen, Kurse besuchen. Wie eine alte, vertrocknete Lehrerin mit Doppelnamen, dachte sie böse.
Natürlich würde sie ihren alten Namen wieder annehmen. Vielleicht auch einen jüngeren Liebhaber finden, der eine betuchte Scheidungswitwe in den Vierzigern mit einem Saab Cabrio spannend fand. Sie war noch ganz knackig, das bestätigte die spiegelnde Schiebetür. Nur dieser Ring passte irgendwie nicht ins Bild. Altlasten sollte man nach Trennungen schnell loswerden, das vereinfachte den Abschied und unnötig würdelose, sentimentale Ausbrüche. Sie würde also auch keine Fotos mitnehmen. Keinen Paul in Shibuya, kein Paul auf dem Gletscher, kein Paul im Abendlicht vor Magnetic Island. Es würde neue Aufnahmen geben, die sie in ihre gebürsteten Stahlrahmen stecken konnte. Das war der Lauf der Dinge.
Der Gin war alle, der Ring noch am Finger. Er ließ sich nicht abdrehen, auch nicht mit Sonnencreme als Gleitmittel. Waren ihre Finger so dick geworden, knotig wie ein alter Ginseng? Sie steckte die Hand in den Eiswürfelbehälter und zählte bis 60. Immer noch nichts. Doch der Ring musste weg! Würde der Juwelier Verständnis haben, wenn sie ihn bat, den Weißgoldreif an ihrem Finger zu zersägen? Oder war das eher ein Fall für einen Chirurgen?
Als Paul am frühen Nachmittag mit einem Strauß weißer Lilien und einer Flasche Hochzeitstags-Champagner nach Hause kam, fand er seine Frau noch im Liegestuhl auf der Dachterrasse. In der rechten Hand hielt sie ein langes Messer; neben ihr lag, blutverschmiert und stumpf, ein Ring.