affenloch
Oktober 22, 2007
Das erste Wort, das Gordon in dieser Situation in den Kopf schoss: „Vermaledeit!“ Eigentlich gehörte es nicht zu dem Wortschatz, den er normalerweise gebrauchte, aber die Lage, in der er sich befand war alles andere als normal. Er steckte fest – mitten in der Wildnis – und es dämmerte bereits. Er hatte Durst, musste urinieren und verspürte einen unangenehmen Juckreiz in der Leistengegend. Die Tour war zu allem Überfluss auch noch seine (vermaledeite) Idee gewesen, es war so üblich, dass die Senior Berater mit den frischen Junioren einen Wochenendtrip machten. Zur Teambildung und auch zum Spaß. Die Agentur fuhr gut in diesem Modus, die Nachwuchskräfte waren motiviert und die Projekte liefen danach meist viel besser. Wenn man nicht gerade mit dem Bein vom Knie abwärts durch eine modrige Holzstiege gerutscht war, auf einem düsteren, schluchtartigen Gebirgsweg, ganz allein.
Sie hatten den Spechtengrat im Laufschritt genommen, waren schwer atmend und immer wortkarger hintereinander den steinigen Pfad aufgestiegen. Oben hatte Ferry dann unbedingt noch den Umweg über die Höllensteine machen wollen, die neue Eos im Anschlag, während Gordon den direkten Abstieg durch die Affenklamm bevorzugte. Er wollte nicht diskutieren, warum dem Junior nicht mal einen Sonderwunsch zugestehen…? Das unschöne Resultat betraf jetzt nur einen aus dem Team: Gordon. Er seufzte und versuchte erneut, das Bein freizubekommen. Es war unmöglich, sich unverletzt durch das gesplitterte Holz zu winden. Erste blutige Kratzer verunstalteten bereits seine Wade. Die Rucksackriemen schnitten immer schmerzhafter in seine Schultern, aber er schaffte es nicht, das Ding abzusetzen. Die Schlucht war so eng, und irgendwo schien eine der praktischen Außentaschen des stylishen TUMI-Daypacks an einem der Stahlhaken in der Felswand festzuhängen. In seiner Hosentasche fand Gordon den Powerriegel, den Ferry ihm morgens zugesteckt hatte. Er hatte da so frisch ausgesehen, zerzauste Haare, einen Anflug von Sommersprossen, die furchenfreie Stirn eines hoffnungsvollen Aufstrebers. Statt durch die Stufen zu brechen wäre der feingliedrige Ferry wahrscheinlich leichtfüßig weiter abwärts getanzt und hätte sich nur spöttisch nach dem plumpen, älteren Vorgesetzten umgesehen.
Gordon seufzte und kaute den zähen, süßen Riegel. Er schluckte hart, als ihm die Dunkelheit um sich herum bewusst wurde. Durst hatte er jetzt, immer größeren Durst. In solchen Fällen sollte man pfeifen, memorierte er, oder rufen. Er versuchte ein zaghaftes „Hallo“, erschrak aber sofort über den unheimlichen Hall der eigenen Stimme in den roh behauenen Steinkaminen. Wäre Ferry vor ihm gegangen, vielleicht wären sie gemeinsam eingebrochen? Dann könnte Gordon jetzt die Trinkflasche aus dem Rucksack des Partners angeln und beiden die Lippen benetzen. Aus der hinteren Tasche der Jack Wolfskin Funktionshose würde er Ferrys Kippen ziehen und ihnen beiden eine anstecken. Sie würden rauchen, quatschen und auf Hilfe warten, gemeinsam wäre es nicht so bedrückend hier im engen Schacht. Der Gedanke an Ferry da vor ihm, die Konturen seines trainierten kleinen Arschs in der grauen Hose, ließ Gordon plötzlich erzittern. Beim Versuch, den namenlosen Schrecken in Worte zu fassen, erschien ein Satz vor seinem inneren Auge, klar und deutlich in serifenloser Schrift: Das-Bild-eines- Mittzwanzigers-mit-rotbraunem-Hinterkopf-und-schmalen-Schultern-wirkte-auf-Gordon P. -als- erotisches-Stimulans! Mehr als die Männervitamine, die Homöopathika und die beschämt geschluckten PDE-5-Hemmer, die Susanne ihm quartalsweise aufnötigte, wenn ein romantisches Revival ihrer nunmehr 17-jährigen Zweisamkeit ins Haus stand. Gordon schoss das Blut in die Wangen, dann in den Unterleib, da drückte und tanzte es nun mit ungekannter Vehemenz, das Bild des Kollegen, ganz eng vor ihm eingezwängt zwischen den Felsen, ohne Hose jetzt, sich ihm entgegenstemmend, fest, stramm, so neuartig gut… Seufzend gab Gordon sich der Situation hin. Mehr war jetzt nicht zu tun. Bis zum Eintreffen einer Suchmannschaft würden alle Spuren getrocknet sein.
Qual der Wahl
August 15, 2007
Die Monate mit Leo waren so gut gewesen. Zusammen hatten sie sich nicht beirren lassen, da waren sogar die Leute auf dem Gehweg von selbst ausgewichen. Im Kino hatte Leo zwischen ihr und den Dicken gesessen, hatte die Popcorn gehalten und die stickige Atemluft der Fremden für sie reingeatmet. Er hatte ihr immer die Oberseite des Brötchens gegeben, hatte ihr T-Shirts ausgesucht und Lieblingslieder ernannt. Im Bett hatte er am Fenster gelegen, und sie in seinem Schatten. Beim Frühstück saß er am Toaster, und sie in der Ecke neben dem Boiler. Ein guter Platz war das gewesen, man konnte den Kopf anlehnen und dabei nach draußen sehen. Die Sorgen waren dann weit weg, verschwommen wie alte Filmschnipsel, die keine Bedeutung mehr hatten. Milchig und mit einem Gelbstich sah sie dann das Klassenzimmer und den harten Holzstuhl neben sich. Er war immer leer geblieben, weil niemand dort sitzen wollte. Sie hatte rote, wunde Mundwinkel gehabt, vom Daumenlutschen. Manchmal machte sie auch in die Hose. Aber nie hatte sie geheult, auch nicht, wenn sie an der Tafel mit der Kreide zittrig abrutschte, oder wenn die Jungs ihr auf der engen Treppe in den Rücken boxten. Sie konnte sogar in die Dornenhecke greifen, wenn der Ball darunter gerollt war – ohne auch nur zu zucken. Die Eltern bemerkten ihre Kratzer nie, auch nicht, wenn sie sie mit der Nagelschere größer gemacht hatte. Nur die anderen in der Schule, die flüsterten. In den Pausen war es am schlimmsten. Sie ging so schnell sie konnte über den Hof, vorbei an den Grüppchen, die redeten und dabei enge Kreise bildeten. Versteckte sich im Toilettenhaus und wartete auf das Läuten.
Leo hatte immer zugehört, wenn sie von ihren alten Filmen erzählte. Er hatte sie lange gemustert, seine Locken gedreht und ihr noch mehr heißen, süßen Tee eingegossen. Immer wusste er, was gerade gut war, immer fand er die richtigen Worte, den besten Platz, die schönsten Dinge. Sie hatte natürlich versucht, auch ohne ihn in die Stadt, ins Café zu gehen. Hatte von der Nische neben den Müttern mit den sportlichen Kinderwagen zur Theke geblickt, wo die langhaarigen Typen mit engen Jeans und Laptops saßen. Wollte nicht zu den Rauchern, und auch nicht nach oben, wo die schwänzenden Teenys sehr laut waren. Sie konnte dann nur die Tasche festhalten und ganz langsam rückwärts zur Tür gehen. Auf der Straße wurde sie angerempelt, von Jungs in weißen Trainingsanzügen, die sich nie entschuldigten.
Zu der Verabredung gestern war sie langsam gegangen, nah an der Hauswand. Trotzdem trat jemand mit spitzen Stiefeln auf ihre Füße . Als sie dann endlich Leo unter einer rotweißgrünen Markise stehen sah, putzte sie sich schnell noch die Nase und lächelte. „Die Dame darf bestimmen!“ hatte Leo laut gesagt, nachdem der Ober auf zwei Tische gedeutet hatte. Sie sah hin und sah her, machte einen Schritt in die Ecke, drehte sich wieder, stieß mit der Tasche gegen eine Vase. „Den“ sagte sie, und zeigte auf den Fensterplatz. Warum war ihr so heiß? Der Ober holte Servietten. „Oder?“ fragte sie und schluckte schwer. „Leo?“. „Du hast die Wahl!“ sagte er freundlich, aber er blickte dabei aus Augenschlitzen, die sie nicht kannte, wartete kalt auf die Lösung der schwersten Aufgabe in einem Test. Sie konnte nicht bestehen. Zuhause wartete sie noch lange, aber er kam nicht. Sie fand die Nagelschere in ihrem Etui und seufzte.